Authentisch? Aber bitte mit Auswahl.

Verwaltungsratssitzung, drittes Traktandum. Der dominante Mitaktionär lehnt sich zurück und sagt: „Das hätten wir auch ohne Sie geklärt." Stille. Was Sie in den nächsten Sekunden sagen oder nicht sagen, entscheidet nicht über das Traktandum. Es entscheidet darüber, ob Sie noch im Raum sind, wenn das nächste kommt.

Viele reagieren in diesem Moment „authentisch": sie sind irritiert, suchen die Versöhnung, formulieren eine ausgleichende Bemerkung. Verständlich. Und genau das ist die Falle.

Im beruflichen Kontext lockt der Authentizitäts-Wahn in eine schwierige Lage. Nicht, weil totale Echtheit per se schlecht wäre. Sondern weil sie ohne Gespür für Takt, Zeitpunkt, Kontext und Wirkung schaden kann — manchmal sogar zerstörerisch. Und vor allem, weil oft an Wirkung verliert, wer immer alles zeigt.

Eine Klientin, ein typischer Moment

Claudia ist gut vorbereitet, als sie die Geschäftsleitungssitzung betritt. Sie hat ihren Restrukturierungs-Vorschlag für die DACH-Region monatelang erarbeitet, mit den betroffenen Bereichen abgestimmt, Szenarien gerechnet, Risiken benannt.

Doch als sie ansetzt zu sprechen, hebt Christian, ihr Pendant aus dem Bereich Finance, schon die Stimme: „Wir sind eigentlich auf gutem Weg, wir müssen nur noch Details klären." Der Verwaltungsratspräsident nickt, der Punkt wird abgehakt. Claudia sitzt da, den Mund leicht geöffnet, während der nächste Traktandenpunkt kommt.

Im Sparring habe ich sie später gefragt, warum sie nicht weitergesprochen hat. Ihre Antwort kam ohne Zögern: „Ich wollte nicht so sein wie er. Ich will nicht Machtspiele spielen. Das bin nicht ich."

Diese Sätze klingen wie eine Tugend. Sie sind aber meistens etwas anderes — eine innere Bremse, die sich als Authentizität tarnt. Solange Claudia glaubt, sich-zur-Wehr-setzen sei unecht, wird sie sich nicht zur Wehr setzen. Und solange sie sich nicht zur Wehr setzt, bleibt ihre eigene Substanz im Raum unsichtbar.

Selektive Authentizität

Authentisch sein heisst nicht, alles auszusprechen, was man denkt. Es heisst, echt zu sprechen, wenn man spricht — und das Richtige zur richtigen Zeit zu sagen. Es gibt eine Authentizität sich selbst gegenüber, die alles zulässt. Und eine Authentizität gegenüber anderen, die immer auswählt. Letztere ist die berufliche.

Was Sie sagen, soll aufrichtig gemeint sein. Und zugleich der Situation gerecht werden. Nicht alles, was Sie fühlen, gehört in jede Sitzung. Aber was Sie sagen, soll tragen.

Das ist die Verschiebung, die Claudia für sich gemacht hat. Nicht jeder Gedanke muss gesagt werden — aber der entscheidende Gedanke darf nicht aus moralischen Bedenken im Kopf bleiben. Wer sich erlaubt, im Spielfeld zu spielen, in dem das Gespräch tatsächlich läuft, gibt sich nicht auf. Er gibt seiner Substanz nur eine andere Form. Der Stoff, mit dem er auftritt, bleibt sein eigener.

Die berufliche Rolle ist kein Maskenspiel

Hier hilft eine Unterscheidung, die viele übersehen. Beruf und Privatleben sind nicht dasselbe. Wenn wir im Beruf sprechen, tun wir es in einer Rolle — nicht als ganze Privatperson. Diese Rolle ist kein Maskenspiel, sondern ein Schutz. Sie erlaubt es, schwierige Situationen mit Gelassenheit zu nehmen und den Fokus auf das zu richten, was wichtig ist.

Manche Schauspieler sagen, sie seien in einer Rolle mehr bei sich selbst als im Alltag. Das klingt paradox, hat aber eine genaue Logik: Die Form, die eine Rolle setzt, lässt Wesentliches durch und blendet Beiläufiges aus. Auch im Beruf entdecken Sie in dieser Form oft Seiten an sich, die Sie stärken — ohne sich zu verbiegen.

Präsenz beginnt, bevor Sie sprechen

Was viele unterschätzen: Wirkung im Raum entsteht nicht erst, wenn Sie das Wort ergreifen. Sie beginnt mit dem Eintreten. Der Körper ist nicht bloss das Stativ des Kopfes — er entscheidet aus Sicht der anderen darüber, ob Sie ernst genommen werden. Wer hektisch in den Raum hetzt, sich an den Rand setzt und die Hände unter dem Tisch verstaut, hat Standing abgegeben, bevor das erste Wort fällt.

Eine andere Klientin — ich nenne sie hier Andrea, Projektverantwortliche in der Medizintechnik — hatte genau dieses Muster. Hochkompetent, strukturiert, analytisch stark. In Projektbesprechungen sass sie früher am Rand, leicht nach hinten gelehnt. Andere brachten unausgereifte Ideen ein und wurden gehört, während sie wartete, bis ihr Gedanke fertig war. Wir haben das im Sparring umgekehrt. Sie suchte sich gezielt einen sichtbaren Platz am Tisch, sass aufrecht, hielt Blickkontakt. Nach zwei Wochen die Rückmeldung: „Ich habe kaum etwas anders gesagt. Aber die Leute haben zugehört. Ich wurde nicht mehr übergangen."

Was im Konkreten hilft, lässt sich in wenigen Punkten verdichten. Betreten Sie den Raum aufrecht und ruhig, ohne Hektik, mit einem Moment des Innehaltens, in dem Sie kurz Blickkontakt aufnehmen. Wählen Sie einen sichtbaren Platz — längsseitig in der Mitte oder am Kopfende, nicht in den Ecken, die psychologisch die schwächeren sind. Markieren Sie Ihren Platz, indem Sie Ihre Unterlagen oder Ihren Laptop sichtbar platzieren; leere Plätze wirken unbeteiligt. Während andere sprechen, signalisieren Sie Aufmerksamkeit nicht nur mit Blick, sondern auch mit Körperhaltung — Ellbogen auf dem Tisch, leichtes Nach-vorne-Beugen, gelegentliche Notizen. Hände unter dem Tisch lassen Sie kleiner wirken, als Sie sind.

Diese Mikro-Entscheidungen senden ein Signal, lange bevor Sie etwas inhaltlich beitragen. Wer als präsent wahrgenommen wird, bekommt anders Gehör — auch wenn er weniger spricht.

Die Szene, in der es sich verschiebt

Im nächsten Meeting kam dasselbe Manöver. Christian setzt an, Claudia zu unterbrechen, als sie gerade ihren Punkt einbringt. Diesmal stockt sie nicht. Sie spricht einfach weiter, und für einen Moment reden beide gleichzeitig. Dann hebt sie langsam die Hand in Richtung Christian, ohne ihn anzuschauen, und sagt ruhig: „Ich werde diesen Punkt zu Ende führen."

Sie redet nahtlos weiter. Keine Stimme erhoben. Keine Rechtfertigung. Keine Entschuldigung. Christian stockt und verstummt.

Einen Augenblick lang liegt eine Spannung im Raum. Dann ist klar: Das Verhältnis hat sich verschoben. Claudia hat die Gesprächsführung übernommen, ohne laut zu werden, ohne sich zu ärgern, ohne Christians Verhalten zu kommentieren. Sie hat eine Grenze gezogen, unaufgeregt und unmissverständlich.

Hinterher hat sie mir gesagt, dass sie sich nicht „dominant" gefühlt habe, sondern endlich wieder bei sich selbst. Die Geste mit der Hand — kein Aufflammen, sondern ein klares „so nicht" — war nicht die Übernahme einer fremden Rolle. Sie war die Übersetzung dessen, was innerlich längst klar war, in eine Form, die im Raum ankommt.

Was sich daraus üben lässt

Drei Dinge braucht es, damit eine solche Szene gelingt. Erstens den inneren Beschluss, sich nicht länger klein machen zu lassen — nicht aus Wut, sondern aus Klarheit. Zweitens einen vorbereiteten Satz, der nicht erklärt, sondern setzt: „Ich werde diesen Punkt zu Ende führen." Oder, wenn Sie nur am Reden gehalten werden wollen: „Ich schliesse kurz meinen Gedanken ab." Drittens eine ruhige, sichtbare Geste, die den Satz trägt, bevor er fällt.

Diese drei Elemente lassen sich im Sparring durchspielen, bis sie unter Druck abrufbar werden. Was am Anfang fremd wirkt, fühlt sich nach zwei, drei Übungen erstaunlich vertraut an. Weil es eben kein fremdes Verhalten ist. Es ist die eigene Substanz, die sich endlich Raum nimmt.

Was sich dabei verändert, geht über den Moment hinaus. Andrea hat es nach zwei Monaten so gesagt: „Ich bin nicht lauter geworden. Aber ich bin klarer. Ich weiss, was ich sagen will — und ich sage es, wenn es zählt." Das ist der eigentliche Gewinn.

Sie dürfen leise sein. Aber nicht unsichtbar.

Leise zu sein ist keine Schwäche. Unsichtbar zu sein, ist eine. Wer sich darauf verlässt, dass gute Inhalte für sich sprechen, überlässt das Spielfeld denen, die es lauter besetzen — auch wenn ihre Beiträge weniger tragen.

Respekt gewinnt, wer keinen Respektverlust duldet. Nicht mit Lautstärke. Mit der ruhigen Klarheit, dass die eigene Substanz im Raum bleibt — auch dann, wenn jemand sie überrollen will.

Wenn Sie das vor dem nächsten heiklen Termin durchspielen wollen: Vereinbaren wir ein Klärungsgespräch. 30 Minuten, unverbindlich.

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