Ich wirke extravertiert - und bin es nicht

Wenn ich „auf Sendung" bin, kann ich energievoll auftreten. Mitunter sogar überschäumend wirken. Doch wer mich dann für extravertiert hält, liegt falsch.

Meine Grundveranlagung ist introvertiert. Ich tanke Energie im Rückzug. Ich brauche viel Zeit für mich. Aber wenn es darauf ankommt, kann ich aus mir herausgehen, mit Wucht, mit Freude, voller Präsenz. Nicht, weil ich mich verbiege. Sondern weil es zu mir gehört.

Privat schätze ich Ruhe. Abstand. Alleinsein. Ich trage mein Herz nicht auf der Zunge und gebe nicht sofort viel von mir preis. Ich beobachte. Höre zu. Brauche Zeit, um Vertrauen aufzubauen.

Meine Zurückhaltung wurde früher oft kommentiert. „Komm doch mehr aus dir raus." „Erzähl doch mal was von dir." Manche wirkten regelrecht provoziert, nur weil ich nicht gleich alles offenlegte.

Drei Quellen menschlicher Natürlichkeit

Es gibt drei Arten, wie wir geworden sind, was wir sind. Erstens unsere Biologie: wir kommen mit bestimmten Temperamenten zur Welt, vieles ist angelegt. Zweitens unser soziales Umfeld: was wir in frühen Jahren erleben, prägt unser Verhalten. Drittens unsere persönlichen Projekte: was uns wichtig ist, lässt uns über uns hinauswachsen. Im Dienst einer Sache handeln wir oft anders, als es unserem Grundtyp entspricht.

Genau das mache ich. Wenn ich ein Sparring führe oder vor Publikum spreche, schalte ich in einen anderen Modus. Nicht immer. Nicht beliebig. Aber bewusst. Und es fühlt sich nicht falsch an. Sondern richtig.

Warum mich das zu meiner Arbeit gebracht hat

Wer leise ist, hat in einer extravertierten Welt einen besonderen Blick auf das, was im Raum geschieht. Man beobachtet, hört zu, ordnet ein. Man erkennt schneller, wer Status sucht, wer Substanz hat, wer den Raum besetzt und wer nur dabeisitzt.

Aus dieser Position habe ich begonnen, mit Senior-Führungskräften zu arbeiten, viele davon ebenfalls reflektiert, eher zurückhaltend, hochkompetent. Menschen, die wissen, was sie sagen wollen, denen aber im entscheidenden Moment die Wirkung fehlt, die ihrer Substanz entspräche.

Solchen Klientinnen rate ich nicht, sich zu verbiegen. Ich rate ihnen, ihre Wirkung bewusst zu gestalten und im wichtigen Moment auch mal den Mund zu öffnen. Klar. Ruhig. Präsenz statt Lautstärke.

Was leise Menschen können

Leise Menschen müssen sich nicht ändern. Aber sie dürfen sich zeigen. Die meisten haben starke Werkzeuge: aktives Zuhören, echte Neugier, präzise Fragen, das Aushalten von Pausen, gründliches Vorbereiten. Sie können tief eintauchen. Sie sehen, was andere übersehen.

Was vielen fehlt, ist nicht eine andere Persönlichkeit, sondern eine andere Erlaubnis. Die Erlaubnis, im richtigen Moment präsent zu sein und das, was sie längst denken, auch sichtbar werden zu lassen.

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