"Wie mit einer Brille, mit der du plötzlich klar siehst"

Unsere westliche Welt ist auf Extravertierte ausgerichtet. Der Idealmensch ist gesellig und aktiv. Viele Introvertierte erliegen dem Anpassungsdruck und ahmen extravertierte Verhaltensweisen nach. Über fehlende Selbstakzeptanz und die Herausforderungen für introvertierte Menschen habe ich mit Susanne Schild gesprochen. Sie hat sich die Sensibilisierung für Introversion zur Aufgabe gemacht. 

Interview: Reto Sollberger, der "Kommunikationstrainer für die Leisen"

Reto Sollberger: Susanne, Du willst dein Umfeld sensibilisieren für Introversion. Was ist dein Antrieb?

Susanne Schild: Es sind die Geschichten von Kindern und Jugendlichen, die mich umtreiben. Geschichten von jungen Menschen, die sich unverstanden fühlen, das Gefühl haben, nicht in diese Welt zu passen. Kinder, die sich in Gruppen unwohl fühlen, sich zurückziehen und soziale Scheu entwickeln. Kinder, die meinen, sich anders geben zu müssen als sie sich fühlen. Ich bin ja selber Mutter von zwei Kindern, deshalb bewegen mich solche Geschichten wohl ganz besonders. Wenn ich mich mit andern Müttern austausche, merke ich, dass ich da Mehrwehrt liefern kann mit dem Wissen über die Introversion. Viele, mit denen ich mich unterhalte, haben dann ein Aha-Erlebnis. Das ist es, was mich antreibt, dass die Leute besser Bescheid wissen und dadurch vielleicht auch das Verständnis wächst für introvertierte Kinder.

Susanne Schild

Was hat dein besseres Verständnis für Introversion bei dir bewirkt?

Einen klaren Blick auf vieles. Wie mit einer Brille, mit der du plötzlich klar siehst. Und vorher nicht wusstest, dass es überhaupt klarer, schärfer geht.

Wenn ich mir heute wichtige Entscheide oder Situationen aus meinem Leben vor Augen führe, verstehe ich, wieso etwas gepasst hat oder eben nicht gepasst, ein falscher Job etwa, in der von mir Extroversion erwartet wurde, die ich nicht bringen konnte.

Bist du selber introvertiert?

Ich bin introvertiert, ja, doch ich bin gern mit Leuten zusammen, ich habe da keine Probleme. Ich merke einfach, nach einem Tag mit vielen Sitzungen oder Austausch fühle ich mich erschöpft, da zeigt es sich. Und in der Freizeit bin ich wählerisch, da treffe ich am liebsten Leute, mit denen man gute Gespräche führen kann. Bei Parties mit Tanz und Stimmung und so fühle ich mich eher unwohl.

Introvertiert ist nicht gleich schüchtern

Wie ist es denn in deiner Familie?

In meiner Ursprungsfamilie waren wir alle eher zurückhaltend, von daher war das die Normalität. Ausserhalb der Familie, neue Leute, das waren eben diejenigen, die gesagt haben, ich sei zu zurückhaltend. Von daher, als Kind war das total entspannt und ganz normal, dass ich halt nicht so viel erzählt hab. Und mein Mann und die beiden Söhne haben auch ein eher ruhiges Temperament.

Viele Menschen halten Introvertierte zugleich für schüchtern. Das trifft so nicht zu. Willst du unseren Lesern den Unterschied aufzeigen?

Gut, dass Du das ansprichst. Das ist in der Tat eines der häufigsten Missverständnisse, die mir begegnen. Schüchterne gehen weniger auf andere Menschen zu, da sie unsicher sind und Angst haben vor Ablehnung. Schüchternheit entsteht aufgrund von negativen Erfahrungen, das kann man wieder ablegen. Erwachsene sind ja normalerweise nicht mehr schüchtern, das wird eher mit Kindern in Verbindung gebracht.

Schüchternheit kann man ablegen, Introversion lässt sich nicht abtrainieren

Introvertiertsein kann man sich nicht abtrainieren, das ist eine Veranlagung. Introvertierte gehen auch weniger auf andere Menschen zu, aber aus anderen Gründen. Sie sind einfach immer viel mehr mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt, sie denken gründlicher nach, bevor sie was sagen, reden nicht einfach so drauf los. Ihr Gehirn ist bereits im Ruhezustand sehr aktiv, daher brauchen sie viel weniger Reize von aussen. Introvertierte Menschen wirken dadurch eher ernst und zurückhaltend. Ich bin sicher, es gibt viele introvertierte Kinder, die erst dann schüchtern werden, wenn man ihnen einredet, sie müssten mehr aus sich rauskommen. Die wären viel zufriedener und selbstbewusster, wenn man sie besser verstehen würde.

"Wow, genau so ist es!"

Du nennst Susan Cain, die amerikanische Anwältin und Bestseller-Autorin, als dein Vorbild.

Ja. Ihr Ted-Talk-Video hatte ich schon vor mehreren Jahren gesehen und gut gefunden. Doch die eigentlichen Aha-Effekte hatte ich später, durch Patrick Hundt und seinen Blog introvertiert.com. Da gab es einen Artikel «Die 92 Eigenschaften von Introvertierten».

Den hab ich gelesen und mich wirklich gewundert. Als ob ich meine Heimat gefunden hätte! «Wow, genau so ist es», hab ich gedacht. Ich las davon, dass es auch andern Leuten so geht wie mir, dass auch andere das Gefühl haben, mit ihrer zurückhaltenden Art nicht so gut in die Gesellschaft zu passen. Dass auch andere zu hören bekommen: «Du bist immer so ernst», dass sie sich beobachtet fühlen, wenn sie nicht sofort mitmischen und sich zurückhalten. Ein solches Verhalten wird einem ja als Schwäche ausgelegt, die anderen Menschen meinen immer, man müsse einfach mehr aus sich rauskommen...

Viele betriffts, sie reden nur nicht darüber

Ich denke, viele haben die Erfahrung nicht, dass es auch anderen so geht, viele wissen gar nicht, dass sie damit nicht alleine sind. Viele betriffts, sie reden nur nicht darüber. Aber sie schreiben drüber, in Blogs und Facebook-Gruppen.

Susan Cains Buch «Still» erschien in den USA 2012, im deutschen Sprachraum sind in den letzten Jahren diverse Bücher und Blogs zum Thema «Introversion» entstanden. Ist dies nur ein Trend oder ist ein Kulturwandel angestossen?

Das ist nicht nur ein Trend. Ob es sich um schon um einen Kulturwandel handelt, weiss ich nicht. Ich suche natürlich ganz gezielt nach Informationen. Es sind auch schon in Psychologie- und Personalzeitschriften Artikel über Introversion erschienen.

So langsam wird man in Firmenkreisen auf das Thema aufmerksam. Es ist noch ein zartes Pflänzchen, aber es ist da. Ich habe gelesen von Firmen und Schulen in den USA, die das Thema Introversion aufgenommen haben, wohl ausgelöst durch Susan Cain. Von deutschen oder Schweizer Firmen habe ich bisher noch nichts Konkretes gehört.

Ich bin überzeugt: Die Erkenntnis wird sich auch im deutschsprachigen Raum durchsetzen, dass ein Unternehmen beide braucht, sowohl extrovertierte als auch introvertierte Mitarbeiter. Und ich gehe noch ein Stück weiter, wenn ich sage, dass es in Zukunft vor allem die introvertierten Führungskräfte noch mehr braucht.

Weshalb?

Weil sich die Aufgaben einer Führungskraft gewandelt haben. Früher vergab ein Chef Aufträge und kontrollierte, da war der starke Macher gefragt. Heute leben wir in einer Wissensgesellschaft, wo eine Führungskraft eben nicht mehr alles weiss und viel stärker auf seine Leute angewiesen ist. Er muss mehr auf Kooperation setzen und sich zurücknehmen können. Er muss anderen Raum geben, zuhören können. Es gibt Studien, die belegen, dass Menschen, die intrinsisch motiviert sind, mit einem introvertierten Chef bessere Ergebnisse erzielen. Und in Zukunft brauchts in vielen Bereichen viel mehr von dieser Selbstverantwortung und da kommen die Stärken der Introvertierten besser zur Geltung.

Unterschiedliche Temperamente - unterschiedliche Stärken

Ist Introversion ein Thema bei deinem Arbeitgeber?

Für mich ist es bislang eher eine private Beschäftigung gewesen. Letzten November war ich in der Schule meines jüngeren Sohns eingeladen, einen kurzen Vortrag zu halten bei den Lehrpersonen und Hortnerinnen. Da dachte ich: was ich jetzt privat mache, kann ich doch auch auf die Arbeitswelt übertragen, natürlich mit Anpassungen. So habe ich meinem HR-Chef vorgeschlagen, in einer Abteilungssitzung mit 60 Leuten einen Vortrag zu halten. Das machte ich dann auch, im Januar, und der Vortrag kam sehr gut an.

Ich spüre, dass ich dran bleiben muss am Thema

Doch ich bin jetzt nicht aufgefordert worden, daran weiterzuarbeiten. Die Leute bekommen halt jede Woche zig Inputs, da war meiner einer von vielen. Doch ich spüre, dass ich dranbleiben muss am Thema. Wir haben im Unternehmen eine Diversity-Strategie, wo es um die Geschlechtergleichheit geht, um Gleichheit der Religionen, der sexuellen Ausrichtung und so weiter. Das Thema Introversion würde da auch reingehören. Schliesslich gibt es diese unterschiedlichen Temperamente und damit auch unterschiedliche Stärken. Die werden noch zu wenig wahrgenommen und genutzt. Das muss sich ändern. Da gibt es noch viel Potenzial.

Ich habe als Geschäftsführer erlebt, wonach es oft die leisen und zurückhaltenden Menschen mit grossem Fach- und internem Wissen sind, die anderen Mitarbeiter als Anlaufstelle dienen, deren grosser Einfluss den Führungskräften jedoch oft verborgen bleibt.

Ja, das kann ich nur bestätigen. Es ist leider immer noch so, dass diejenigen Leute mehr auffallen, die auch mehr sagen. Doch es gibt viele Leute, die einen wichtigen Beitrag leisten, was man aber nicht auf den ersten Blick erkennt. Diesen Angestellten ist sehr geholfen, wenn sie einen introvertierten Chef haben, der ihre Stärken kennt und fördert.

"Du sagst wenig, aber wenn, hat es Hand und Fuss"

In Meetings kommen Intros oft nicht zu Wort oder wenn sie etwas sagen, werden sie nicht wahrgenommen. Kommt jemand später mit dem selben Beitrag, hören alle zu...

Dieses Problem habe ich weniger, ich habe das Gefühl, gehört zu werden. Vielleicht weil wir als interner Dienstleister eher ruhige und zurückhaltende Teammitglieder sind und es keine eigentlichen Alphatiere hat. Ich höre als Intro oft, ja, du sagst wenig, aber wenn, dann hat es Hand und Fuss. Mich würde es total frustrieren, wenn ich überhört würde und ein paar Minuten später der Kollege mit dem selben Beitrag gut ankommt. Das hat dann aber weniger mit Intro/Extro zu tun als mehr mit fehlendem Respekt.

Wenn ich mit Leuten aus anderen Teams zum Mittagessen gehe, spüre ich schon, dass das Gesprächstempo oft hektischer ist, dass es viel mehr Themenwechsel gibt, das ist anstrengend. Es ist dann schon so: Wenn man nix sagt, wird man gleich abgestempelt als jemand, der nichts zu sagen hat...

Was rätst du introvertierten in einem Team mit Extrovertierten?

Vielen fällt es schwer oder sie haben keine Lust, sich im Meeting spontan zu äussern. Von daher: auf ein Meeting gut vorbereiten! Dass man auch weiss, was man sagt, denn man muss sich schon Gehör verschaffen, wie genau, ist halt schwierig. Was auch hilft, wenn man nicht gerne redet, ist, es schriftlich zu machen. Wenn ich merke, dass ich im Meeting was vergessen habe, halt schriftlich nachreichen, oder Leute im Zweiergespräch von den eigenen Ideen überzeugen.

Man muss sich schon Gehör verschaffen...

Ich rate immer wieder, an seinen Kommunikationsfähigkeiten zu arbeiten und sich auf solche Situationen vorbereiten...kurz extrovertieren und danach wieder zurück in die Komfortzone.

Ja, absolut. Das beschreibt auch Susan Cain in ihrem Buch, mit der Gummibandtheorie oder der Free-Trait-Theorie von Professor Brian Little. Manchmal entgegen seinem Temperament agieren aber immer wieder die Chance haben, zu seinem Ich und seinen wahren Bedürfnissen zurückzukommen.

Es ist ja so, dass Introvertierte gut in der Lage sind, gegen ihr Temperament zu arbeiten, wenn sie eine starke Leidenschaft für etwas mitbringen. Susan Cain hat geschrieben, dass sie Riesenspass hatte, sieben Jahre lang für ihr Buch zu recherchieren. Bis man ihr gesagt hatte, nun musst du auch raus zu den Leuten, für Promotion sorgen, das Buch vor Publikum präsentieren. Und dann hat sie ein Jahr lang geübt für diesen Ted-Talk. Sie hatte eigentlich keine Lust darauf, doch sie war sich bewusst, dass sie diesen Weg gehen muss, um ihre Botschaft zu verbreiten. Das merke ich auch, wenn einem ein Thema wichtig genug ist, kann man auch anders handeln und aus der Komfortzone treten.

"Leidenschaft kann auch sehr leise daherkommen"

Es gibt die These, Introvertierte könnten sich nur in einem Umfeld entfalten, das ihnen entspricht, in dem sie sich wohl fühlen und sie loslassen können. Das gilt für Firmen wie für die Familie.

Ja, absolut. Da möchte ich ein Beispiel geben. Eine Mutter hat mir mal von ihrem Sohn erzählt, der ist 18 und eher sozial scheu. Sie habe immer gedacht, der Junge sollte kommunikativer, aktiver sein. Eines Tages war an der Schule ein Anlass, wo er einen Roboter vorstellte. Da ist der Sohn ins Gespräch gekommen mit einem Ingenieur und hat dann über den Roboter erzählt, was der kann und wie sie ihn gebaut haben und so weiter. Und die Mutter ist völlig erstaunt danebengestanden und hat gedacht, das ist nicht ihr Sohn, der auf einmal so gesprächig und eloquent ist!

Was ich damit sagen will: Man muss rauskriegen, was ist die Leidenschaft von der Person. Und wenn man die gefunden hat, ist die Person auf einmal wie ausgewechselt. Und kann wirklich, wie man so schön sagt, aus sich rausgehen. Doch es gibt halt viele Themen, bei denen sich Introvertierte fragen, ja, macht es einen Unterschied, ob ich jetzt da auch noch meinen Senf dazugebe...

Leidenschaft und Begeisterung sind keine Frage des Temperamentes...

Nein, Introvertierte können genau so leidenschaftlich und begeistert sein wie Extrovertierte. Doch es wird von aussen weniger wahrgenommen. Man sieht sie halt nicht so wie bei jemandem, der sehr emotional dabei ist. Nach meinem Vortrag bei meinem Arbeitgeber ist eine andere Referentin / Abteilungsleiterin auf mich zugekommen und hat mich eingeladen, in ihrem Führungsteam zu referieren weil sie das Thema auch für ihre Leute interessant fand. Sie sagte mir, ich sei ein gutes Beispiel dafür, dass Leidenschaft auch sehr leise daher kommen könne. Wir sollten nicht denken, wer eher ruhig ist und ernst wirkt, der hat keine Leidenschaft.

Verständnis für die eigenen Bedürfnisse

Ich stelle immer wieder fest: Viele Introvertierte sind sich ihres Temperamentes und der Auswirkungen gar nicht bewusst. Es ist noch viel Sensibilisierungsarbeit nötig, oder?

Ja. Weil, ich behaupte mal, dass viele Introvertierte immer so ein bisschen ausserhalb ihrer Komfortzone sind und immer, da wir in einer extrovertierten Welt leben, denken, sie müssten sich anpassen, sie müssten anders sein. Doch es braucht einfach das Verständnis um die eigenen Bedürfnisse, zum Beispiel Dinge gründlicher zu durchdenken. Eigentlich geht es nur darum, wie gewinne ich meine Energie. Wir Introvertierten müssen uns bewusst sein und akzeptieren, dass wir mehr Rückzugsmöglichkeiten brauchen um zu funktionieren.

Es ist schwierig, wenn man nicht weiss, was einem gut tut

Wenn man sich mal klar gemacht hat, dass wir Ruhe und ab und zu das Alleinsein brauchen um unseren Gedanken nachzuhängen und um unsere Akkus zu laden, dann funktionierts gleich besser. Doch es ist halt schwierig, wenn man nicht weiss, was man braucht, was einem gut tut.

Neue Leute kennenlernen, Netzwerke knüpfen. Ein Thema, das viele Introvertierte meiden... Welches sind deine Erfahrungen?

Viele Intros mögen das nicht, an Veranstaltungen gehen und sich präsentieren. Sie meinen, den Extrovertierten nacheifern und ebenfalls 15 neue Menschen an einem Abend «kennenlernen» zu müssen. Doch das ist eine Fehlannahme. Ich führe lieber mit ein, zwei Menschen ein gutes Gespräch, das im Gedächtnis bleibt, anstatt all meine Visitenkarten loswerden zu wollen.

Ich stelle mir die Frage: Wer ist eigentlich ein guter Netzwerker? Jemand, der da so rumschnattert und kommunikativ ist? Nein, überhaupt nicht! Ein guter Tipp, den ich anderen Introvertierten mitgeben möchte: Es ist ein Fehler, zu denken, man müsste in einem Gespräch interessant sein. Wichtig ist es, interessiert zu sein! Wenn man die richtigen Fragen stellt, ein gutes Gespräch führt und zuhören kann, dann findet ein guter Austausch statt und das ist ja auch Netzwerken. Qualität vor Quantität. Wenn man das mal weiss, kann man seine Stärken gut nutzen und muss vor dem Netzwerken keine Angst mehr haben.

Es ist ein Fehler zu denken, man müsse in einem Gespräch interessant sein. Wichtig ist es, interessiert zu sein!

Ich muss auch nicht zwei Stunden bleiben, wenn mir das zu lange ist. Dann gehe ich halt nach einer halben Stunde oder einer Stunde. Dafür bin ich in dieser Zeit auch richtig präsent und stehe nicht in der Ecke rum. Lieber kurz, ins kalte Wasser hüpfen und auf seine Art Kontakte suchen. Es hilft eventuell auch, sich vor einer Netzwerkveranstaltung zu überlegen, wer da kommen könnte, wer für einen interessant wäre. Sich zu überlegen, mit wem man hingehen könnte, um nicht alleine rumstehen zu müssen. Vorbereitung ist das, was Introvertierte selbstsicherer macht.

Auch im Verkauf haben Introvertierte Stärken

Als Introvertierter schätze ich zurückhaltende und fachlich kompetente Verkäufer. Ich mag es nicht, wenn ein Verkäufer wie ein Bulldozer über mich braust. Wenn Introvertierte rund 30% oder mehr aller Menschen ausmachen, sollten sich dies eigentlich auch die Unternehmen bewusst machen.

Absolut. Unsere Wahrnehmung ist, dass ein Verkäufer ein typischer Extrovertierter ist. Der auf die Leute zugeht und sagt, was er alles Tolles da hat und so. Aber es muss nicht so sein. Wenn ich als Verkäufer eine langfristige Kundenbeziehung will, muss ich gut zuhören können und das Gegenüber wirklich verstehen wollen. Und weniger vom schnellen Abschluss getrieben sein. Da gilt auch eher: Qualität vor Quantität, und da haben Introvertierte klar Stärken, eben auch im Verkauf, besonders im technischen Verkauf, wo es mehr um Details und die Kenntnisse geht, wo sie diese Stärken ausleben können.

Introvertierte können sehr gute Verhandler sein, weil sie zuhören können und Fragen stellen, dadurch entsteht Vertrauen. Erlebst du das auch so?

Ein typisches Beispiel, wo es nicht unbedingt nur Extrovertierte braucht, die durch Reden überzeugen. Beim Verhandeln geht es ja auch darum, eine gute Strategie zu haben, die man sich vorher zurechtlegen muss. Da können Intros ihre Stärken einsetzen. Und in einem Gespräch selber sind Introvertierte besser darin, auch Pausen auszuhalten. Das kann für eine Verhandlung sehr nützlich sein. Einfach mal abwarten und nicht sofort zu reagieren.

Der Dialog schafft Klarheit

Das gegenseitige Unverständnis zwischen Extros und Intros führt oft zu Konflikten. Wie erlebst du das im Unternehmen?

Da kommt mir ein Beispiel in den Sinn: Ich habe einen sehr ruhigen Arbeitskollegen neben mir, der auch Zahlen und Informationen aufbereitet und zur Verfügung stellt. Ab und zu kommt einer der Personalbetreuer zu ihm und sagt, kannst du mir mal schnell dieses und jenes machen. Und während er redet, merkt er, dass er die Anfrage noch gar nicht richtig durchdacht hat. So muss mein Kollege erst nachfragen: Ist es das, was ich vor zwei Wochen schon mal gemacht habe, möchtest du diese Mitarbeitergruppen ausschliessen oder nicht? Und erst im Dialog wird dann klar, was die Person eigentlich will.

Da prallen einfach zwei Extreme aufeinander. Mein Kollege, der Introvertierte, denkt sich, kann der andere nicht mal zuerst genau überlegen, was er will, und der Extrovertierte denkt, Mann, der ist wieder kompliziert, der soll doch jetzt einfach schnell... So sind die Unterschiede. Der Extrovertierte fängt einfach mal an und im Austausch mit dem Kollegen kriegt er einen klaren Kopf und findet raus, was er genau braucht. Und der Introvertierte sagt lange nichts, doch wenn, dann hat er bereits alles durchdacht... Solche Situationen sind mir früher nicht aufgefallen, aber heute weiss ich, dass die Leute unterschiedlich ticken, anders verarbeiten.

Da prallen einfach zwei Extreme aufeinander

Zum Abschluss noch das Thema «Arbeitsplatzgestaltung». Viele Introvertierte fühlen sich nicht wohl in Grossraumbüros...

Was auch Susan Cain jetzt immer wieder schreibt. Diese Grossraumbüros sollen den Austausch fördern, heisst es, aber das ist Quatsch. Es ist eine Unruhe. Die einen können damit leben, brauchen vielleicht diesen Kontakt, aber es gibt ja immer noch Jobs, wo jemand sich mal längere Zeit konzentrieren muss. Und diese Menschen sollen dann auch ihre Ruhe haben können, aber die bekommen sie im Grossraumbüro nicht. Gut, man kann heute Abhilfe schaffen mit Kopfhörern oder so. Aber ich bin überzeugt, dass eine Menge Produktivität verloren geht, weil wir uns zu fest ablenken und ablenken lassen.


Susanne Schild recherchiert und schreibt zum Thema Introversion/Extraversion. Sie veröffentlichte Beiträge in der Schweizer Zeitschrift «Beobachter» und im «Mamablog» des Zürcher «Tages-Anzeiger». Susanne arbeitet in der Personalabteilung einer Bank und wohnt mit ihrem Mann und zwei Söhnen in Baden (Schweiz). 

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